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„Schule darf Kinder nicht beschämen“: Kirche und Politik im Dialog

Präses Annette Kurschus und Schulministerin Sylvia Löhrmann diskutierten mit Matthias Bongard über „Schule heute“. Auszüge aus ihrem Gespräch über Verantwortung, Veränderung und Vertrauen.

 

Warum macht Kirche Schule?


Annette Kurschus: Kirche macht Schule, weil Bildung zum ureigenen, vom Evangelium bestimmten Auftrag gehört. Man kann nicht die frohe Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes in die Welt tragen, ohne dabei auch um Bildung bemüht zu sein.

 

Braucht unser Land kirchliche Schulen?


Sylvia Löhrmann: Ja, weil wir eine plurale Gesellschaft sind und insofern gehören für mich alle Schulen in freier Trägerschaft, alle Ersatzschulen, dazu. Was die kirchlichen Schulen angeht: Die Werte, die da gelebt werden, die tun allen Schulen gut.

 

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Was würden Sie auf eine Postkarte schreiben, auf der steht „Schule der Zukunft“? Was muss sich in der Schule tun?


Annette Kurschus: Schule muss in Zukunft ein Ort sein, in dem Menschen auf das Leben vorbereitet werden – nicht nur mit Wissen vollgestopft, sondern auch mit Maßstäben und Orientierung ausgestattet, wie sie die Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Schule muss ein Ort sein, wo sich Menschen aller gesellschaftlichen Schichten begegnen.

 

Was steht auf Ihrer?


Sylvia Löhrmann: Schule darf Kinder nicht beschämen.

 

Und wie würden Sie dieses „nicht Beschämen“ ausformulieren?


Sylvia Löhrmann: Wir müssen wegkommen von der Defizitorientierung. Wenn wir Lernen und Leistung befördern wollen und die Kinder ermutigen und herausfordern, dass sie mehr lernen wollen, dann werden wir sehen: Es gelingt in heterogenen Schülerschaften, einen Mehrwert aus der Verschiedenheit zu ziehen. Die Freude der Kinder zu erleben, ist das Schöne daran.

 

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Haben Sie nicht auch oft die Vermutung, dass wir bei Veränderungen viel zu viel Gewese machen um jede Kleinigkeit?


Annette Kurschus: Es ist sicher so, dass wir gut daran täten, wenn wir mehr Vertrauen darin hätten, dass sich unter Schülerinnen und Schülern manches von selbst regelt. Meine Erfahrung ist, dass Kinder in der Regel auf jeder Schule irgendwie klarkommen, wenn sie dort Menschen haben, die ihnen als Menschen begegnen. Wir brauchen Menschen, die nicht nur theoretisches Wissen weitergeben, sondern die als Persönlichkeiten für die Kinder da sind und die Kinder auch einmal untereinander machen lassen.

 

Also: Müssen wir um jede neue pädagogische Ausrichtung so lange diskutieren?


Sylvia Löhrmann: Gerade in NRW steht es nicht schlecht um mehr Selbständigkeit für die Schulen. Das Land setzt einen klaren Rahmen und innerhalb dieses Rahmens können die Schulträger, die Kommunen und die Schulen ihre eigenen Entscheidungen treffen, wie sie die Ziele erreichen. Wir müssen wegkommen davon, dass wir stoffplanorientiert arbeiten. Da wir das aber 200 Jahre lang gemacht haben, brauchen die Schulen Zeit und Unterstützung, damit sie solche Veränderungen hinbekommen.

 

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Abschließend: Welche Bitte haben Sie an Frau Löhrmann?


Annette Kurschus: Ich habe die Bitte, dass Sie alles dafür tun, dass Schulzeit für die unterschiedlichst begabten Schülerinnen und Schüler eine Zeit ist, die sie nicht beschämt. Die Schulzeit ist eine prägende Zeit für uns alle: Sie kann aus uns geduckte, kleine Menschen machen, die nichts von sich halten – oder sie kann aus uns selbstbewusste, freie Menschen machen, die ins Leben gehen und Verantwortung übernehmen. Insofern: Nichts zu dogmatisch festlegen, aber doch so viele Regeln schaffen, dass keiner durch die Maschen fällt.

 

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Welche Bitte haben Sie an Frau Kurschus?


Sylvia Löhrmann: Die ergänzende Bitte ist, dass Frau Kurschus als Vertreterin einer wichtigen „zivilgesellschaftlichen Gruppe“ daran mitwirkt, dass die Trias gut funktioniert: Der Staat setzt den Rahmen, die Kommunen und die Schulen gestalten aus, die Zivilgesellschaft ist das dritte Standbein. Gute Schulen können sich umso besser entwickeln, je mehr sie sich öffnen in die Außenwelt. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement gehört für mich dazu, dass Schule gut gelingt.

 

 

Das Gespräch moderierte Matthias Bongard (WDR)

Fotos: Dieter Fuchs